Die Taubnessel -Sanftheit in prächtigen Farben-
erschienen in Holunderelfe Frühling 2026
Es gibt Pflanzen, die still am Wegesrand stehen, zwischen Beeten oder am Rand eines Ackers, und darauf warten, gesehen zu werden. Vor allem ihre Blätter ähneln in der Form denen der Brennnessel, doch haben sie keine Brennhaare. So kam es zu ihrem Namen und manchmal wird sie auch Kuckucksnessel, Blumennessel oder Totnessel genannt. Im Englischen heißt sie „deaf nettle“, ist also auch taub. Sobald sie ab April blüht, kannst Du sie nicht mehr verwechseln. Die Taubnessel gehört zu den Lippenblütlern und diese Blüten können je nach Art weiß, purpurfarben oder gelb sein. Sie liebt lockere, nährstoffreiche Böden, weshalb wir sie vor allem auf Äckern, in Gärten oder Weinbergen finden. Innerhalb eines Jahres bringt sie bis zu 4 Mal Samen aus, also mehrere Generationen. Wenn Du darauf achtest, findest Du sogar bis in den Winter noch blühende Taubnesseln. Das Foto der weißen Taubnessel unten ist aus dem November.
Die Taubnessel ist eine von ihnen. Auf den ersten Blick unscheinbar, fast übersehen. Bestimmt bist Du ihr schon oft begegnet, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Ihre Blätter erinnern an die Brennnessel, doch fehlt ihr das Brennende. Die Taubnessel steht anderen kraftvollen Heilpflanzen in nichts nach. Dürfte ich nur drei Worte verwenden, um sie zu beschreiben, würde ich „bunt“, „sanft“ und „kraftvoll“ wählen. Sie trägt eine besondere Mischung in sich, die uns auch durch die Holunderelfe-Ausgabe begleitet: Vielfalt ohne Lautstärke, Sanftheit ohne Schwäche und eine Kraft, die sich nicht beweisen muss. Was sich dahinter verbirgt, darf sich nun Schritt für Schritt entfalten.
Ihr botanischer Gattungsname „Lamium“ kommt vom griechischen Laimos= Schlund und bezieht sich auf die Lippenblüten. Die Namensgeberin aus der griechischen Mythologie ist die schöne Lamia, die zunächst eine Geliebte des Zeus war. Wie in den alten Sagen üblich, wurde sie von dessen Gattin Hera vertrieben und in einen Dämon verwandelt. Sie symbolisiert Schönheit, Genuss, die Gefahren der Leidenschaft und die Rache. Dagegen ist die Taubnessel ganz und gar sanft. Ihre Blüten sitzen in dichten Scheinquirlen am vierkantigen Stängel und haben eine lange Röhre, die vor allem langrüsselige Hummeln anzieht. Insekten mit kurzem Rüssel beißen die Blüten am Boden an. Hast Du als Kind auch die Blüten ausgesaugt und Dich gefreut, wenn etwas süßer Nektar darin war? Weitere hierzu passende Namen sind Honigblume oder Saugblume. Ameisen lieben die Samen der Taubnessel, denen ein Ölkörper anhängt. Indem sie diese verschleppen, tragen sie zur Verbreitung bei.
Bunt
In Mitteleuropa sind 12 Taubnessel-Arten zu finden. Die bekannteste ist die Weiße Taubnessel (Lamium album) mit 6 – 16 großen weißen Lippenblüten. Der Insektenliebling blüht ab April. Wir finden sie an Weg- und Waldrändern und Gräben oft in Gruppen finden. In der Volksmedizin wird sie vor allem als Frauenheilpflanze geschätzt.
Die purpurrote Taubnessel (Lamium purpureum) ist meist etwas kleiner als ihre weiße Schwester. Sie hat leuchtend purpurrosa Blüten am vierkantigen Stängel. Ihre herzförmigen, leicht gezähnte Blätter haben eine charakteristische rötlich-violette Färbung am Stängelgrund. Die rote Taubnessel wird ebenfalls schon lange aufgrund ihrer entzündungshemmenden, antimikrobiellen und beruhigenden Eigenschaften in der Volksheilkunde verwendet. Zu den Anwendungsgebieten später mehr. Eine weitere Farbausprägung finden wir in der Goldnessel (Lamium galeobdolon). In der Natur finden wir sie vor allem in Laubwäldern, da sie schattige Plätzchen mag.
Lässt Du die Taubnessel in Deinem Garten wachsen oder pflanzt sie dort sogar bewusst, unterstützt Du die heimische Artenvielfalt und hast mit ihr eine alte Heilpflanze in Deinem alltäglichen Umfeld.
Sanft
Wenn mir unterwegs die Taubnessel begegnet, kann ich kaum anders, als sie zu berühren und über Ihre Blätter zu streichen. Sie sind mit feinem Flaum überzogen und fühlen sich angenehm weich an. Deshalb kann ich mir eine ihrer heilenden Eigenschaften merken: sie ist gut und sanft zur Haut. Tatsächlich wird ihre beruhigende Wirkung aufgrund von Schleimstoffen und Saponinen geschätzt. Ihre Blüten und Blätter enthalten zudem Flavonoide, Gerbstoffe und ätherisches Öl, also eine gute Kombination für entzündungshemmende und reizlindernde Anwendungen. Sie hilft mir zum Beispiel bei Atemwegsbeschwerden und Husten, wenn mein Hals rau und trocken ist: Als Teeaufguß getrunken unterstützt sie die Mundschleimhaut. Auch bei Hautproblemen, Ekzemen und leichten Entzündungen wirkt sie heilend und schmerzlindernd. Dazu können die Wirkstoffe der Taubnessel in Öl ausgezogen und zu Salbe verarbeitet werden.
Zahlreiche Studien zeigen uns, dass die verschiedenen Arten der Taubnessel sehr ähnliche Sekundärstoffe enthalten und daher nahezu die gleichen Heilwirkungen haben. Es gibt feine Unterschiede in der Anwendung und Verbreitung, wobei die Weiße Taubnessel oft stärker in der traditionellen Heilkunde verankert ist. Besonders in der Frauenheilkunde wurde die weiße Taubnessel zum Beispiel für Sitzbäder verwendet und um Zyklusunregelmäßigkeiten zu klären. Verdauungsbeschwerden oder Krämpfe und Frauenleiden wie Weißfluss mildert sie mit stiller, heilender Kraft.
Kraftvoll
In der Volksmagie galt die Taubnessel als schützend und reinigend. Auch körperlich wirkt sie blutreinigend und entgiftend, indem sie zum Beispiel die Nierentätigkeit unterstützt. Weiter ist sie entzündungshemmend und antioxidativ.
Sie wurde in Kräuterbuschen gebunden, die an Maria Himmelfahrt geweiht wurden und stand symbolisch für weibliche Stärke, Ausgleich und innere Ruhe. Im Frühling war und ist sie Bestandteil der stärkenden Neun-Kräuter-Suppe. Die Taubnessel ist eine eher unauffällige Pflanze, still und doch robust. Wenn ich mir Zeit für sie nehme, erkenne ich ihre ruhige, stabile Kraft, die seit Jahrhunderten geschätzt wird.
Bonus: Gesund und lecker
Die Blätter und Blüten aller Arten sind essbar und reich an Vitamin C, B- Vitaminen und Provitamin A (Carotin). Außerdem enthalten die Kraftpakete Mineralstoffe wie Kalium, Kieselsäure und Zink. Junge Blätter haben ein leicht pilziges Aroma, mit dem wir Abwechslung in Salate, Saucen oder auch ins Rührei bringen. In größeren Mengen kannst Du sie auch wie Spinat zubereiten. Aus den Taubnessel-Blüten mit ihrem süßlichen Geschmack können wir Sirup herstellen. Wenn Du den milden Blütengeschmack in Milch, Pflanzenmilch oder Sahne ausziehst, kannst Du damit ein feines Dessert herstellen.
