Die Hagebutte - klein, rot, besonders: ein Geschenk aus der Hecke
erschienen in Holunderelfe 40 "Goldene Zeiten"
Die Rose als Symbol der Liebe entwickelt im Spätsommer aus ihren wunderschönen Blüten ein besonderes Geschenk, mit dem die Zeit der Hagebutten beginnt. Bis weit in den Winter hinein werden sie uns nun feuerrot aus den Wildrosen-Sträuchern heraus entgegen leuchten, auch dann noch, wenn die Blätter längst gefallen sind.
Sie bestätigen den Herbst als goldene, gabenreiche Zeit und wie die Holunderelfe kannst Du sie jetzt in Ruhe genießen. Nicht nur optisch machen sie uns und den Tieren eine Freude. Hagebutten sind ein wichtiges Winterfutter für Kleinnager, etwa 25 Vogelarten und mehr als 100 Insektenarten. Jede der etwa 150 Wildrosenarten unserer nördlichen gemäßigten Zone bildet aus ihren weißen bis rosafarbenen Blüten die essbaren Früchte. Formen und Größen der Hagebutten variieren; die der Kartoffelrose sind zum Beispiel größer, rundlicher und haben mehr Fleisch. Auch finden wir Farbvariationen von Gelborange bis Scharlachrot, es gibt sogar Rosensorten, die schwarze oder lilafarbene Früchte bilden. Damit ist die Wildrose auch in naturnahen Gärten eine wunderschöne Bereicherung.
Botanisch gesehen ist die Hagebutte eine Scheinfrucht. Wenn Du das rote Fleisch aufschneidest, findest Du die eigentlichen Früchte: kleine, hellbeige, sehr harte Samen, die Semen Cynosbati heißen. Der silbrige Flaum aus kleinen Härchen, der sie umgibt, kann bei Hautkontakt zu einem unangenehmen Juckreiz führen, weshalb Kinder die Kerne gerne als „Juckpulver“ verwenden.
Mehr als nur Vitamin C
Wahrscheinlich weißt Du, dass die Hagebutte eine hervorragende Vitamin-C-Quelle ist.
Tatsächlich spielt ihr hoher Vitamin C-Gehalt eine große Rolle. Er trägt unter anderem zur normalen Kollagenbildung bei – einem wichtigen Baustein für Haut, Bindegewebe, Blutgefäße, Sehnen und Gelenke. Gleichzeitig schützt es die Zellen vor oxidativem Stress und verbessert die Aufnahme von Eisen aus der Nahrung.
Doch damit hört die Geschichte der Hagebutte längst nicht auf. Sie kann Deinem Körper außerdem Betacarotin, B-Vitamine, Vitamin E sowie Mineralstoffe und Spurenelemente wie Kalium, Magnesium, Eisen, Kupfer und Zink schenken. Hinzu kommen sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide und Carotinoide, die für ihre antioxidativen Eigenschaften bekannt sind. Diese schützen auch beim Erhitzen das Vitamin C, wenn Du die Hagebutte verarbeitest.
Besonders spannend ist ein natürlicher Pflanzenstoff namens Galaktolipid. Diese Fettverbindung wird seit einiger Zeit intensiv erforscht, weil sie gemeinsam mit den übrigen Inhaltsstoffen der Hagebutte einen positiven Einfluss auf die Beweglichkeit der Gelenke haben kann. Das Galaktolipid hat schmerzlindernde Wirkung und darf nicht erhitzt werden. Viele Menschen nutzen kalt getrocknetes Hagebuttenpulver deshalb als natürliche Begleitung bei beanspruchten oder alternden Gelenken.
Die enthaltenen Fruchtsäuren regen die Verdauung an und können damit einen kleinen Beitrag zu Deinem Wohlbefinden leisten.
Aus den Kernen der Hagebutte der Rosa Canina wird Hagebuttenöl hergestellt (kalt gepresst). Die darin enthaltene Vitamine A, C und E, der Farbstoff Carotinoid sowie Omega-3, -6 und -9-Fettsäuren leisten einen wertvollen Beitrag zur Hautpflege, da sie antioxidativ, zellschützend und entzündungshemmend wirken.
Schon im 12. Jahrhundert empfahl Hildegard von Bingen die Hagebutte als Stärkung bei Erkältungen, Magenbeschwerden und sogar Lungenentzündungen.
Du merkst also, dass nicht ein einzelner Wirkstoff das kleine rote Kraftpaket so besonders macht, sondern eine beeindruckende Vielfalt an Inhaltsstoffen, die sich gegenseitig ergänzen. Diese natürliche, kraftvolle Kombination ist wahrscheinlich der Grund, warum die leuchtend rote Frucht seit Jahrhunderten einen festen Platz in der Volksheilkunde hat und inzwischen wieder neu entdeckt wird.
Köstlich in der Küche
Die Hagebutte wird als Wildfrucht seit Generationen geschätzt und darf uns heute auch kulinarisch überraschen. Wir können sie entkernt zu Mus und Marmelade verarbeiten, köstlich ist die Kombination mit anderen Herbstfrüchten wie Äpfeln oder Weißdornbeeren und Gewürzen wie Nelke und Zimt. Oder trockne die halbierten Früchte für Tee oder Pulver. Für ein immunstärkendes Oxymel kannst Du Hagebutten in Sauerhonig (Honig und Apfelessig) ausziehen lassen und Dir so im Winter etwas Gutes tun.
Für die meisten Rezepte entkernst Du die Hagebutten, da die Kerne, wie vorher beschrieben, von feinen Härchen umhüllt sind, die beim Schlucken im Hals kratzen können.
Wirf sie jedoch nach der mühsamen Arbeit nicht weg. Du kannst auch sie verwenden. Wasche und trockne sie. Anschließend kannst Du sie in der trockenen Pfanne rösten, mahlen und daraus eine Art „Kaffee“ zubereiten, der ein feines Mandelaroma hat.
Nomen est Omen
Spannend finde ich auch die Herkunft des Namens „“Hagebutte“: Ein Hag war früher eine Hecke oder Einfriedung. Auf Norwegisch heißt „hage“ Garten. Das Wort „BeHAGlichkeit“ verdeutlicht, dass wir uns innerhalb der Einfriedung sicher und geschützt fühlen können. Noch heute gibt es viele Orte, die den Hag im Namen tragen, so wie etwa Hagen, Den Haag , Hagenow oder Stadthagen.
Die Hecke ist ein Schutz zwischen Garten und Wildnis. Zu ihr gehört auch die Hagezusse: Die Hüterin der Hecke war zuerst eine Frau, die Kräuter am Heckenrand sammelte. Sie kannte die Durchlässe in der Hecke, die Wege ins Feenreich. Später wurde daraus dann die „Hexe“.
Eine Butte ist ein breites, offenes Gefäß, wie ein Faß oder Eimer.
So vieles steckt in der kleinen roten Wildfrucht, so viele Geschichten sind mit ihr verknüpft. Vielleicht konntest Du gerade etwas Neues über sie erfahren.
Hier verabschiedet sie sich mit einem Lied, das Du bestimmt kennst und gleich mitsummen kannst:
Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm;
es hat von lauter Purpur ein Mäntlein um.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
das da steht im Wald allein mit dem purpurroten Mäntelein?
Das Männlein steht im Walde auf einem Bein
und hat auf seinem Haupte schwarz Käpplein klein.
Sagt, wer mag das Männlein sein,
das da steht im Wald allein mit dem kleinen schwarzen Käppelein?
Das Männlein dort auf einem Bein
mit seinem roten Mäntelein
und seinem schwarzen Käppelein
kann nur die Hagebutte sein.
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1843)
